Geschichte

Geschichte

 

 

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Augsburgs ist ereignisreich: tragische Zeiten der Verfolgungen, der Vertreibungen, und leider nur kurze glückliche Zeiten der Blüte, der aktiven Teilnahme am Leben der Stadt und des Landes. Die Bekanntschaft mit den Lebensgeschichten vieler Generationen unserer Vorgänger lässt in der Seele nicht nur Bitternis über die grausamen und tragischen Ereignisse aufkommen, sondern auch Stolz auf die Vergangenheit. Die Vertreibungen unterbrachen die fortlaufende Geschichte. Der letzte Bruch in der Chronologie der Gemeinde war die Tragödie des Holocaust… Nach jeder Tragödie ist die Gemeinde wie der legendäre Vogel Phönix auferstanden und trug aktiv, denn Möglichkeiten entsprechend, zur Entwicklung der Stadt und der Region bei. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Augsburgs ist ein untrennbarer Bestandteil der Geschichte der Stadt, der Geschichte Schwabens und der Geschichte Bayerns.

Im Buch von Doktor Grünfeld (1917) wird über die „alte“ und die „neue“ Gemeinde berichtet. Analog dazu wird die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, die nach dem II. Weltkrieg entstand, als „Dritte Gemeinde“ bezeichnet. Die Nummerierung spiegelt die Etappen der Geschichte der Juden in Augsburg nur bedingt wieder.

ERSTE GEMEINDE

Leider gibt es bis zum XII. Jahrhundert keine Zeugnisse und Dokumente vom Leben der Juden in Augsburg. Das erste Dokument vom Leben der Juden in Augsburg – die Aufzeichnung im Gebetbuch des Rabbiners R. Jehuda Hachasid aus Regensburg – wird auf das Jahr 1200 datiert. 1231 wird der jüdische Friedhof, einige Jahre später das Rabbinergericht erwähnt. 1250 wird in den städtischen Büchern zum ersten Mal „Die jüdische Kommune“ erwähnt. Dieses Jahr kann man als den Beginn der offiziellen Existenz einer jüdischen Gemeinde in Augsburg bezeichnen.

In Dokumenten von 1361 wird die Judengasse – der Bezirk, in dem die Juden wohnten – erwähnt. Er befand sich nördlich der heutigen Karlstrasse, zwischen Fuggerstrasse und Karolinenstrasse. Das Zentrum der Gemeinde waren „das jüdische Haus“ (Domus Judaeorum) mit der Synagoge und die öffentlichen Gebäude, der „Judenkirchhof“ und die Wohngebäude. Im Hof richteten sich „Das Gericht der Rabbiner“ und „Das Haus des Lernens“ (die Schule) ein. Fleischer und Bäcker verkauften koschere Produkte. Es gab einen Arzt und einen Apotheker. 1346 ist in einem Juden gehörenden Haus auch eine Apotheke entstanden. Gegen Ende des XIII. Jahrhundertes hat die Gemeinde „Das Judenbad“ oder Badhaus und „Das Tanzhaus“ gebaut. 1298 wurde mit Geld der Juden der Abschnitt der Stadtmauer gebaut, der „Judenwall“ genannt wurde. Der jüdische Friedhof lag nach Dokumenten von 1258 vor der Stadt in der Nähe der Heilig-Kreuz-Kirche, gegenüber der Richtstätte.

Die Blüte der Gemeinde im XIII. Jahrhundert hatte mehrere Gründe. Zu Beginn des zweiten Jahrtausends waren die Juden praktisch die einzigen Andersgläubigen im christlichen Mitteleuropa und auch der Teil der Bevölkerung mit den wenigsten Rechten (1236 hat Kaiser Friedrich II. die Juden als „Kaiserliche Kammerknechte“ oder auch als „Sklaven der Krone“ bezeichnet). Als Kaiser Karl VI. 1335 den Juden auch in anderen Gebieten der Stadt das Wohnrecht verliehen hatte (Judenberg), standen die hier angesiedelten Juden unter städtischer Herrschaft (in der ursprünglichen Siedlung unterstanden sie dem Bischof). Ungeachtet der niedrigen Stellung der Juden in der Gesellschaft besaß das Judentum Anziehungskraft. Es ist zum Beispiel bekannt, dass der Christ Avraam aus Augsburg zum Judentum übergetreten ist, deswegen gefoltert und am 21. November 1265 hingerichtet wurde. (Proselitismus war zu dieser Zeit im Judentum nicht erlaubt.)

In der ersten Zeit lag die Hauptbeschäftigung der Juden in Handwerk und Handel. Durch die Verbindungen mit Gemeinden anderer Städte und Länder verfügten sie über bessere Bildung (im Vergleich zu ihrer Umgebung), führten ein bescheideneres Leben, begnügten sich mit kleinerem Einkommen und verbilligten die Produktion. Früher als andere verstanden sie, dass schneller Umsatz mit niedrigem Gewinn mehr Erfolg versprach, als ein größerer Gewinn bei schleppendem Umsatz. Die Erfolge haben zu einem gewissen Einfluss der „jüdischen Kommune“ in der Stadt geführt (die Gemeinde wurde in den städtischen Steuerbüchern geführt). Dazu trug die Einführung der Stadtrechte von 1276 (als eine der ersten Städte Deutschlands) nicht wenig bei. In ihnen waren die Hauptrechte und die Pflichten aller Schichten der Bevölkerung festgelegt.

In 14. Jahrhundert begann sich die Lage der jüdischen Gemeinde zu verschlechtern. Nachdem nach 1368 die Zünfte der christlichen Handwerker und Kaufleute Macht bekamen und keine Konkurrenz wollten, planten sie, die Konkurrenz auszuschalten. Auf ihre Forderungen hin hatten die kirchlichen und weltlichen Herrscher den Juden die Beschäftigung mit dem Handwerk verboten, ihnen das Recht entzogen, Grund zu besitzen und sich mit dem Weinbau zu beschäftigen. Ein Hauptgebiet der Tätigkeit der Juden wurde deshalb der gesetzlich erlaubte Geldhandel. Dazu trugen die religiösen Gebote und die weltliche Gesetzgebung bedeutend bei, nach denen es Christen verboten war, Glaubensgenossen Geld gegen Zins zu leihen. In Europa sind mit den „Schuldscheinen“ die ersten Dokumente entstanden, die das neue Niveau der Handelsbeziehungen regelten. Die Wechsel, die Banknoten, alle Formen des modernen Geldes sind Varianten der Entwicklung dieser Schuldscheine.

Die dem Juden gegebene Quittung sicherte das Recht auf das Erhalten der Schuld bei der Übergabe sogar bei Christen. Den Juden wurde erlaubt, die Unterschrift der Christen zu bekommen, später konnten alle eine solche Bescheinigung benutzen. Da sie keine andere Möglichkeit zur Existenzsicherung hatten, entsagten einige Juden allem, lebten hungrig (besonders in der ersten Zeit oder nach Pogromen), um den Vertretern der verarmten Aristokratie oder den Handwerkern kleine Summen leihen zu können. Ihre Ehrlichkeit in Geldangelegenheiten, bei denen sie (im Vergleich zu den das Verbot verletzenden Christen) normalerweise nur kleine Zinssätze verlangten, haben zu einer führenden Position der Juden in Finanzgeschäften geführt. Später sind die reichen Familien (z.B. Lamb, Judlin) entstanden, die sogar dem Herzog Kredit gewährten. Auch der Stadtrat war von Zeit zu Zeit Schuldner bei jüdischen Familien.

In den erhalten gebliebenen städtischen Büchern ist die Höhe der Steuern, welche die Juden zu entrichten hatten, aufgezeichnet. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung zahlte jeder Jude der Stadt vielfach höhere Abgaben. Außer der Eigentumssteuer musste man den kirchlichen „Zehnten“, Gebühren für den Stadtrat und viele weitere Beiträge zahlen. Die Gemeinde musste höhere Summen als die anderen Bürger an den Kaiser und die Fürsten bezahlen. Nicht nur die kaiserlichen in den städtischen Büchern erwähnten Steuern und Abgaben waren viel höher, als die Zahlungen anderer Bevölkerungsgruppen. Oft wurden außerordentliche Steuern, die manchmal nicht ganz gerecht waren, erhoben. Zum Beispiel: die Krönungssteuer (ein Viertel bis ein Drittel des Wertes des Eigentums), die Militärsteuer mit bis zu 10 % des Wertes des Eigentums (1396, 1422, 1425, 1427 und in weiteren Jahren). Die Stadt war daran interessiert, die Juden nicht finanziell auszubluten. Manchmal schützten die städtischen Autoritäten sogar die Juden vor den kaiserlichen Ansprüchen, aber das war meistens vergeblich.

Die Schuldner verbreiteten Gerüchte über den Reichtum der Juden, und erklärten den Kampf gegen die Juden als „heilige Pflicht“. Um sich selbst besser darzustellen und für die Einheit der Gläubigen der Kirche war es wünschenswert, dass der Feind einen anderen Glauben hatte. Stimmung gegen die Fremden und der Geldverleih waren die Ursache vieler tragischer Ereignisse in der mittelalterlichen Geschichte Europas. Ziel der Pogrome war die Vernichtung der Schuldverschreibungen. Ein Chronist jener Zeit schreibt richtig: „…wurde das Geld ein Grund für Morde und die Verbrennung der Juden“.

Unter der Unmenge von Beispielen ist „Der jüdische Brand“ von 1348 besonders tragisch. In Europa tobte die Pest. In Augsburg wurden 200 Juden zum Tod durch Verbrennen verurteilt (130 Menschen wurden ermordet). Die Gemeinde wurde zerschlagen, aber wenige Wochen nach dem Dekret des Kaisers Karl IV. entstand sie von neuem.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat die lange dauernde Periode der Verfolgungen der Juden in Europa und in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht. Eine Reihe unfruchtbarer Jahre (nach Untersuchungen eine Folge des Temperaturrückgangs), Kriege, Epidemien und einige andere Faktoren waren Gründe für den ökonomischen Rückschritt. Wie üblich mussten die Juden als Sündenböcke herhalten. Der Stadtrat Augsburg übernahm eine Reihe von Verordnungen, die die Rechte der Juden einschränkten. 1434 wurde zum Beispiel den Juden der Stadt Augsburg (eine der ersten Städte in Deutschland) befohlen, „einen gelben Ring von der Breite eines Daumens“ an der Kleidung zu tragen. Im Juli 1438 hat der Stadtrat einstimmig entschieden, die Juden aus Augsburg zu verjagen. Es wurde ein Recht auf Aufschub für 2 Jahre zur Regelung der finanziellen Angelegenheiten und zur Veräußerung des Eigentums gewährt. Aus der Stadt sind etwa 300 Juden ausgereist. Der Besitz der „jüdischen Kommune“ – die Gebäude, der Friedhof und alles Übrige ist in das Eigentum der Stadt übergegangen.

Das Mittelalter war eine grausame Zeit. Aber die Historiker nehmen an, dass die Beziehung zu den Juden in Augsburg etwas besser war, als in anderen deutschen Städten. Dr. Grünfeld schrieb 1917, dass in den die Juden betreffenden Dekreten des Stadtrates „manchmal sogar Wohlwollen, eine gewisse Anteilnahme und ein Gefühl der Ehrlichkeit“ zu spüren waren. Dies wird zum Beispiel durch die folgenden Dinge bestätigt: es fehlen Erwähnungen von Verfolgungen in der Zeit der Kreuzzüge; 1298 hat der Stadtrat von Augsburg Gewalt gegen die Juden verhindert und hat sie geschützt (die blutigen Rindfleisch – Unruhen); in Augsburg gab es kein Ghetto – in den jüdischen Vierteln durften Christen wohnen, einige Juden wohnten in der Umgebung der Christen; sogar bei der Vertreibung gab es die Möglichkeit der Liquidation des Eigentums und ein Teil der bezahlten Steuern wurde erstattet.

Die Erste Gemeinde hat offiziell 189 Jahre lang existiert.

DIE VERTREIBUNG

Das Leben in der Umgebung Augsburgs. (Kriegshaber, Steppach, Pfersee und Oberhausen). Nach der Vertreibung aus den Städten suchten viele Juden aus ganz Deutschland eine neue Heimat im Osten – in Polen, Litauen und in anderen Gebieten. Die Sprache der osteuropäischen Diaspora wurde Jiddisch, das aus mittelrheinischen Dialekten entstand. Einige Juden sind als Gelehrte und erfolgreiche Händler nach Italien gezogen. Im Gebiet der Grafschaft Burgau waren die Juden aus finanziellen Gründen gerne geduldet. In den kommenden Jahrzehnten bildeten sich in der unmittelbaren Umgebung der Stadt eigenständige Gemeinden. Zuerst im Dorf Steppach. Die größte Gemeinde befand sich in Kriegshaber. In einer Beschreibung von 1829 (einige Jahrhunderte nach der Übersiedlung der Juden aus Augsburg) las man über Kriegshaber: „96 Häuser, 246 Familien, 1025 Seelen, einschließlich 322 Juden“ (fast ein Drittel!).

In den neuen Orten musste man eine Erlaubnis bekommen, um sich mit Handel und Ausbildung zu beschäftigen, Geld verleihen zu dürfen. Jüdische Händler im 15. bis 19. Jahrhundert verließen ihr Haus am Anfang der Woche, um kurz vor dem Samstag zurückzukehren. Sie versorgten die Bevölkerung der Dörfer mit Galanteriewaren, Geschirr, Papier und anderen Waren. Später auch mit Textilwaren, Eisenwaren und Uhren. In den Städten verkauften sie Vieh und Lein für die Textilproduktion. Geldgeschäfte begannen mit kleinen Krediten: einige Gulden für kurze Zeit zu niedrigen Zinsen. Das Vermögen einiger Familien wurde durch jahrelangen Handel und durch Geldgeschäfte angesammelt.

In den Gemeinden dauerte das religiöse Leben an. Im Mittelalter wurden bestimmte Methoden des Talmudstudiums nach den Städten, in denen sie verwendet wurden, benannt. Es gab die Nürnberger, Regensburger und Augsburger Methode (das eigenartige Ritual Selicha – die Gebetslesungen über das Verzeihen während der Fastentage). In der Jeschiva in Augsburg, Regensburg und Nürnberg wurde Pilpul als Methode der Erläuterung des Talmud zum Standard, kam dann auch nach Prag und in die Jeschives in Polen. Das religiöse Leben der jüdischen Gemeinden Schwabens unterschied sich durch eigene Bräuche, die unter der Bezeichnung „Minhag Schwaben“ bekannt wurden.

Die Gemeinden um Augsburg wuchsen allmählich. 1636 wurde in Pfersee der bis jetzt existierende jüdische Friedhof angelegt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Friedhof geschändet. 1946 wurde auf Initiative der amerikanischen Besatzungsmächte aus den zerstörten Grabsteinen neben dem Eingang eine Gedenkstätte in Form eines Würfels errichtet.

1570 hat die Gemeinde in Kriegshaber ihre eigene Synagoge gebaut. Als das Gebäude verfiel, wurde im 17. Jahrhundert an dieser Stelle das neue Gebäude, das bis zum heutigen Tag in der Ulmerstrasse 228 erhalten blieb, gebaut. An der Ostwand des Hauses ist der Vorsprung für Aron ha-Kodesch sichtbar, und über dem Haupteingang ist ein Fenster mit einem Davidstern vorhanden. Nach der Vereinigung der Gemeinden von Augsburg und Kriegshaber im Jahre 1915 wurde das Gebäude der Synagoge verkauft. 1945 haben darin einige Zeit Juden der amerikanischen Streitkräfte und die aus den Konzentrationslagern zurückgekehrten Gefangenen gebetet. Die Stadt Augsburg, in deren Besitz sich das Gebäude jetzt befindet, plant, es zu reparieren und für kulturelle Zwecke zu verwenden.

In der Mitte des zweiten Jahrtausends veränderten die neuen technischen Erfindungen das Leben. Zum Beispiel der Mitte des 15. Jahrhunderts erfundene Buchdruck. Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts hat August Wind in seiner Druckerei eine besondere Abteilung für den Druck von Büchern in altjüdischer Sprache eingerichtet. Ungeachtet des geltenden Wohnverbotes für Juden in der Stadt hat er aus Prag den bekannten jüdischen Drucker Haim Schwarz geholt. Von 1533 – 1543 hat Schwarz mit seinem Sohn Isaak und seinem Schwager Josef ben Jakar in Augsburg einige Bücher veröffentlicht: den „Raschi – Kommentar zum Pentateuch und zu den Schriften“ 1534; eine illustrierte Haggada fűr Pessach 1534; eine Sammlung festlicher Gebete 1536, und weitere Werke. Die Bücher zeichnen sich durch hervorragende Arbeit und eine große Genauigkeit des Textes aus. 1543 ist die jüdische Druckerei nach Ichenhausen umgezogen.

Von 1618 bis 1648 wütete in Deutschland der „dreißigjährige“ Krieg. Am Ende des Krieges herrschten in Augsburg Angst. Armut, Hunger und Epidemie waren verbreitet. Die Zahl der Stadtbewohner schrumpfte um 50.000 auf 18.000. Menschen.

Nach dem Westfälischen Frieden war der 30-jährige Krieg beendet und das Deutsche Reich in 1800 selbständige Staaten gespalten. Die Fürsten haben die Rechte souveräner Herrscher bekommen. In Augsburg galten besondere Gesetze. Konkurrenz war in Geschäftskreisen nicht erwünscht, deshalb sollten die Juden „die alten Bräuche fortsetzen und nach dem allgemeinen Recht sich nicht in städtischen Häusern aufhalten“. Fremde Juden durften nur tagsüber in der Stadt Handel treiben. Doch es war die (kostenpflichtige) Möglichkeit vorgesehen, bis zur Wiederherstellung der zerstörten Häuser in der Stadt während des Krieges Schutz zu erhalten.

 Die Rückkehr. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Europa von den Armeen Napoleons erobert. Augsburg, wie auch andere Städte, zahlte große Kontributionen. Die Regierung der Stadt war gezwungen, Eigentum (Häuser, Grundbesitz) zu verkaufen und insbesondere das Wohnrecht. Im Herbst 1803 veröffentlichte der Stadtrat eine Konvention mit 38(!) Paragrafen, welche die Wohnbedingungen der ersten drei jüdischen Bankiers in der Stadt regelte. Hier sind die wichtigsten Schritte auf dem Weg zur Erlangung vollständiger Bürgerrechte aufgeführt

– das „religiöse Edikt“ von 1809 garantierte die Glaubensfreiheit.
– das „Jüdische Edikt“ von 1813, legte die Wohnerlaubnis für Juden in den Städten sowie die Bedingungen zur Bildung von Gemeinden fest und nahm großen Einfluss auf die Lebensweise (jüdische Familien sollten Nachnamen bekommen; die Zahl der Familien, die in der Stadt wohnen durften, wurde begrenzt. Und es gab noch weitere Beschränkungen.)
– Die Gesetze von 1871, die den Juden Bürgerrechte gewährten.

Damit endete die Ära von fast 400 Jahren,
in der die Juden kein Wohnrecht in Augsburg hatten.

ZWEITE GEMEINDE

Anfang und Aufbau (1861 – 1933). Eine Folge der Liberalisierung der Gesetzgebung war eine zahlenmäßige Zunahme der in der Stadt wohnenden Juden:

Jahr 1813 1836 1848 1852 1861 1867 1875 1885 1905 1910 1930
Personen   126   97     79   128   283   449   889 1156 1101 1212 1030

Die Mehrheit zog in Augsburg aus der näheren Umgebung und aus den kleinen Siedlungen des südlichen als auch des mittleren Schwabens zu. Die jüdische Gemeinde hat sich in Augsburg zur Mitte des 19. Jahrhundertes neu gebildet. Gemeinsame Gebete wurden 1808 im Haus des Bankiers Jakob Obermeier durchgeführt.

Eine Beschränkung der Anzahl jüdischer Familien in Augsburg gab es bis 1861. Zu dieser Zeit hat die Zahl der Gemeindemitglieder das Minimum von 50 Personen, die für die Registrierung der religiösen Vereinigung notwendig waren, übertroffen.

Die Dokumente über die Gründung der jüdischen Gemeinde in Augsburg werden im Staatsarchiv in Augsburg ausgewahrt.

Am 5. Oktober 1861 wurden der Entwurf der Gemeindesatzung und andere Dokumente der Stadtverwaltung und am 11. Oktober der „königlichen Regierung Schwabens und Neuburgs“ überreicht. Kurz darauf wurden die Registrierung der Gemeinde, die Gemeindesatzung und die Anstellung eines Rabbiners genehmigt.

Der Beginn der offiziellen Existenz der zweiten Jüdischen Gemeinde Augsburgs ist der 18. November 1861.

1865 wurde in der Wintergasse das Gebäude der neuen Synagoge gebaut. Zwei Jahre später hat die Gemeinde das Grundstück für den Friedhof an der Haunstetter Strasse erworben. 1897 wurde hier das Gebäude für Trauerrituale gebaut. (Während des Weltkrieges wurde das Gebäude zerstört; seine Wiederherstellung nach dem Entwurf des jüdischen Architekten Herman Tsvi Gutman von 1961 – 1962 war das erste große Bauprojekt der Nachkriegsgemeinde.)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertes hatte die vorwiegend katholische Bevölkerung wenig Verbindungen zu Juden: es gab praktisch keine gemeinsamen jüdisch-christlichen Unternehmen, Juden arbeiteten nicht in christlichen Banken. Mitte des Jahrhunderts begann die Lage sich zu ändern. Die Organisation der neuen Herstellungsmethoden brauchte Geld – die jüdischen Großhändler und die Bankiers wurden zu erwünschten Partnern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Juden wichtige Positionen in Industrie und Handel eingenommen. Von den Gemeindemitgliedern spielten mehr als 50 Personen eine führende Rolle bei der Entwicklung der Industrie Augsburgs. Die jüdischen Unternehmen waren wichtige Arbeitgeber für die Bevölkerung der Stadt. Am Anfang des I. Weltkrieges besaßen die jüdischen Bankiers ganz oder teilweise ungefähr 20 Banken in der Stadt. Sie besaßen eine führende Stellung im Textilhandel (bis zu 75 %). Über 160 Menschen arbeiteten in der Zeit von 1870 bis 1914 in den 47 führenden jüdischen Handelsunternehmen der Stadt. Der Augsburger Bankier Arnold Seligman und sein in München lebender Bruder Solomon von Stahl waren Mitbegründer der Bayrischen Hypotheken- und Wechselbank, deren Kredite und Darlehen zu einer finanziellen Grundlage der Entwicklung des Immobilienmarktes in Augsburg wurden. Jüdische Unternehmen machten von 1871 bis 1914 fast 40 % der Handelshäuser, fast 30 % der Banken und knapp 10 % der Industrieunternehmen aus.

Viele Juden in Deutschland leisteten große Beiträge zur Entwicklung der Wissenschaft, der Industrie, der Künste, des Sports. Ein Beispiel dafür ist Helmut Rumpler, der österreichische Ingenieur, der Pionier der Luftfahrt. Eine der Straßen Augsburgs trägt seinen Namen. 1908 hat er in Berlin die erste Produktionsstätte für Flugapparate in Deutschland gegründet. 1910 wurde nach seinen Plänen das Flugzeug „Rumpler- Taube“, mit einem 8-Zylinder Motor gebaut. Während des ersten Weltkrieges hat der Betrieb 350 Flugzeuge hergestellt. 1916 wurde in Augsburg eine Filiale des Unternehmens, welche 1919 nach der Schließung des Werkes in Berlin selbständig wurde, eröffnet. 1926 übersiedelten die Bayerischen Flugzeugwerke, die 1938 in die Messerschmitt AG umgewandelt wurden, nach Augsburg. (Heute ist das Werk Teil des Luftfahrt-Riesen EADS). Bei Rumpler gab es auch viele andere Entwicklungen. Zum Beispiel das erste stromlinienförmige Auto, den ersten Kotflügel; das erste Auto mit Heckmotor und viele weitere Dinge.

 Das religiöse Leben (Reformismus). In der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhundertes wurden die Juden gleichberechtigte und sehr angesehene Mitglieder der sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft. Die jüdischen Kinder strebten nach Bildung. Zum Beispiel war zwischen 1877 – 1890 in der Kreisoberrealschule (heute Holbein-Gymnasium) jeder zehnte Schüler Jude.

Das Streben, die Unterschiede zur sie umgebenden Welt zu verringern, hat zur Suche nach möglichen Veränderungen des Judentums geführt. Der Wunsch nach radikalen Veränderungen bei der Durchführung der Riten hat zur Entstehung des Reformjudentums geführt. Seine Anhänger waren der Ansicht, dass aus den synagogalen Riten viele veraltete und durch den jahrhundertlangen Aufenthalt in Ghettos entstandene Zeremonien entfernt werden sollten. Danach könne das Judentum eine bedeutendere Stellung in der modernen Welt einnehmen. Gegen beliebige Veränderungen im Ritual sind die Orthodoxen aufgetreten, die der Meinung waren, dass der Bruch in einem Glied der Traditionen alle Grundlagen des Judentums gefährden würde.

Solche Diskussionen wurden auch in der Augsburger Gemeinde geführt. Zu Pessach 1865 hat die Synagoge auf Wunsch der Mehrheit der Gemeindemitglieder eine Orgel (die erste in Bayern und eine der ersten in Deutschland) gekauft). Konservative und sehr religiöse Gemeindemitglieder waren dagegen, aber alles ist friedlich geregelt worden. Es gelang, die Spaltung der Gemeinde in einen orthodoxen und einen reformierten Teil, wie es in München und Nürnberg geschah, zu verhindern. (1910 haben etwa 40 Juden in Kriegshaber eine offiziell nicht registrierte orthodoxe Gemeinde gegründet, die fast 30 Jahre existiert hat und von den Nazis zerstört wurde.)

1870 begann in München die Arbeit der zweiten jüdischen Synode, die ihre Arbeit in Augsburg im Goldenen Saal des Rathauses fortgesetzt hat. Für die Gemeinde war dies ein großes Ereignis, das die Richtigkeit des eingeschlagenen Kurses bestätigte.

Den Bau der Synagoge in der Halderstraße. Die Gemeinde wuchs. 1910 gehörten ihr 1217 Menschen an. Die Notwendigkeit eines neuen Gebäudes wurde ab 1870 besprochen, aber der Baubeginn fand erst Anfang des 20. Jahrhunderts statt. Aktiv unterstützte den Neubau der Magistrat, für den sich das Prestige der Stadt neben dem Bahnhof, dem Theater, dem Justizpalast und der Bibliothek auch auf das Vorhandensein einer repräsentativen Synagoge stützte.

Zwischen der Stadt und der Bahnstation der Linie Augsburg – München, die 1840 gebaut wurde, gab es in der Halderstrasse brach liegendes Gebiet und Gärten. Dort wurde ein Grundstück gekauft. 1912 wurde ein Wettbewerb zum „Bau der Synagoge mit Verwaltungs- und Dienstgebäuden“ ausgeschrieben, zu dem 47 Entwürfe eingingen. Der erste Preis ging an Doktor Heinrich Lompel und den Ingenieur Fritz Landauer (der spätere Bauleiter). Der Bau begann am 30. April 1914. Die seitlichen Verwaltungsgebäude und die Stahlbetonkuppel waren schon errichtet, als der I. Weltkrieg begann.

Das Interesse der Gemeinde am Bau der Synagoge ist vor Sorge um das Schicksal des Vaterlandes für einige Zeit erlahmt. Am 4. August 1914 wurde in der Synagoge auch um Segen für die deutschen Waffen gebetet. 1914 sind 254 Gemeindemitglieder (davon 29 Freiwillige) in die Armee eingetreten. 174 Menschen waren an der Front, 163 haben Auszeichnungen bekommen, 24 (etwa 2 % der Gemeindemitglieder) sind umgekommen. Die Gemeinde hat die Gefallenen nicht vergessen. Im Hof der Synagoge befindet sich eine Gedenktafel aus Metall mit der Darstellung einer Menora und den Zahlen „1914 – 1918“. Auf beiden Seiten des Eingangs zum Vorraum des Festsaales sind auf Marmortafeln die Namen der 24 gefallenen Gemeindemitglieder verewigt. Auf dem jüdischen Friedhof gibt es eine Gedenkstätte aus 3 Stelen mit den Nachnamen der Gefallenen und auch einige ihrer Grabsteine.

Der Bau wurde trotz der besonderen Umstände fortgesetzt. Das Gebäude der neuen Synagoge wurde in drei Jahren errichtet. Der prächtige Innenraum ist mit orientalischen Elementen und jüdischer Symbolik ausgestattet. Die Elemente der Ausstattung betonen die Verbindung mit der nahen Stadt. Am Eingang zum Hof sieht man ein Mosaik mit der allegorischen Kombination des Stadtwappens (Pinienzapfen oder Zirbelnuss) in Kombination mit dem sechseckigen Davidstern. Über dem mittleren Portal des Eingangs befindet sich die steinerne Darstellung des Gemeindesiegels aus dem 13. Jahrhundert.

Im Großen Saal mit 800 Plätzen sieht man über dem Balkon für die Orgel Medaillons zur Ehre der großen Feiertage (Pessach, Sukkot, Jom Kippur, Rosch ha-Schana und Schawuot). An der Brüstung des Balkons sind 6 Medaillons mit den Emblemen der 12 Stämme Israels angebracht. An 4 Säulen befinden sich 6-eckige Medaillons mit symbolischen Bildern: „Theorie der Religion“, „Praxis der Religion“, „Ethik der Religion“ und „Wirkung der Religion“ und Texten aus der Heiligen Schrift und dem Talmud. Über den Säulen thront wie das Himmelsgewölbe die Sternenkuppel mit einem Durchmesser von 27 Metern. In den Seitengebäuden gibt es einen Hochzeitssaal, das rituelle Bassin (Mikwe), Verwaltungs- und Diensträume, Wohnungen für den Rabbiner, den Kantor, die Synagogendiener und den koscheren Metzger. Der Rabbiner hat das neue Gebetbuch vorbereitet und eine Festschrift („Ein Gang durch die Geschichte der Juden in Augsburg“, Doktor Richard Grünfeld, 1917) herausgegeben.

Die Architekten, die Ingenieure und die Bauarbeiter wurden mit bayrischen Orden ausgezeichnet. Am 4. April 1917 wurde das majestätische Gebäude in Anwesenheit zahlreicher Gäste feierlich eingeweiht. Mit Rücksicht auf die schwere Zeit und den Lebensmittelmangel im Land hat die Gemeinde auf ein Bankett verzichtet und 1000 Mark für den Fonds der städtischen Lebensmittelhilfe gespendet.

In der liberalen Gemeinde wurden die Gebete in deutscher Sprache gelesen und von den Tönen der Orgel begleitet. Bei der Einweihungszeremonie wurden nur die Gebete über die Tora-Rollen auf Hebräisch gesprochen.

Die Gemeinde entwickelte sich weiter. In der Religionsschule lernten etwa 80 Kinder. Über 100 Kinder lernten in den Schulen der Stadt. In der Gemeinde gab es Dutzende von Gesellschaften und Vereinigungen: der 1873 gegründete Wohlfahrtsverein, der Krankenpflegeverein, der Beerdigungsverein; der Verein für Volkserziehung; der Verein für Hauspflege; Verein für Jugendfürsorge und viele weitere. Die Gemeindemitglieder nahmen am Leben verschiedener Organisationen und Vereine der Stadt aktiv teil: beim Handelsgericht, der Handelskammer und dem Finanzgericht München, im Kommerzverein, der Literarischen Gesellschaft, dem Kunstverein, in Sportvereinen und vielen anderen Organisationen.

Ungeachtet der zahlreichen Erscheinungsformen des Antisemitismus, war die überwiegende Mehrheit der Gemeindemitglieder (wie auch die Mehrheit der in Deutschland wohnenden Juden) Patrioten und bezeichneten sich als „Deutsche jüdischen Glaubens“. Deutschland war für sie die Heimat. Die Gemeinde hat zusammen mit dem ganzen Land nach dem Krieg die Inflation in den 20er Jahren und die Arbeitslosigkeit Anfang der 30er Jahre erlebt. Die Mehrheit der Gemeindemitglieder unterstützte die demokratischen Umgestaltungen und trug zur Gründung der Weimarer Republik bei. Im Land waren viele politische Extremisten Juden. Aber die jüdische Gemeinde unterstützte die kurzlebige „Räterepublik“ nicht.

Die ersten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die in den Stadtrat Augsburgs gewählt wurden, waren die Herren Rosenbusch und Heimann. Die jüdischen Abgeordneten arbeiteten über 30 Jahre im Stadtrat mit. Im Januar 1933 waren von 50 Mitgliedern des Stadtrates 4 Juden, 4 Kommunisten und nur 3 Anhänger der NSDAP.

Die Mehrheit der Gemeindemitglieder war in den mittleren und höchsten Schichten der Gesellschaft vertreten. 1933 besaßen Juden vollständig oder teilweise mehr als 170 Unternehmen in Augsburg. (Darunter 20 Fabriken, 55 Großhandelshandelsfirmen, 51 Einzelhandelsgeschäfte, einige Banken und Vertretungen.) Von 244 Banken in der Stadt gehörten über ein Drittel Juden. Hauptsächlich waren sie in den neuen Gewerbezweigen wie Spinnereien und der Bekleidungsherstellung tätig. Sie waren die Marktführer bei der Herstellung von Konfektionskleidung, der Produktion spezieller Stoffe, der Produktion von Textilien (ungefähr 15 Prozent der Unternehmen). Im Lederhandel, dem Viehhandel, dem Hopfenhandel und dem Handel mit Textilwaren überstieg der Anteil der jüdischen Unternehmen 75 %. Ebenso ist wichtig, die Rolle der Juden bei der Herstellung kostbarer Gegenstände aus Gold und Silber zu erwähnen. Jüdische Kultgegenstände, die seit dem Mittelalter von Augsburger Meistern hergestellt worden waren, wurden 1930 auf einer Ausstellung in München gezeigt.

Es muss erwähnt werden, dass bei den Gemeindemitgliedern keine ungesetzlichen Zustände, wie beim Aufbau des Kapitalismus in Amerika, oder der Privatisierung in der ehemaligen UdSSR vorkamen. Alle Unternehmen waren ein organischer Teil des industriellen Komplexes der Stadt und der Länder und gaben zehntausenden Menschen Arbeit.

1925 hatte die Gemeinde mit 1203 Mitgliedern die höchste Mitgliederzahl (etwa 1 % der Bevölkerung der Stadt) erreicht. Die Synagoge war ein Zentrum des jüdischen öffentlichen Lebens. In der Gemeinde wurden die Riten des jüdischen Lebens durchgeführt: die Beschneidung (Brit Mila), die Volljährigkeitfeier (Bar und Bat Mizwa), Hochzeiten (Chuppa). Gebete wurden täglich gehalten. Zu den hohen Feiertagen kamen fast alle, aber der Saal bot nur 800 Menschen Platz. Daher wurden Eintrittskarten ausgegeben. Aktiv wurde aufklärende und kulturelle Arbeit geleistet. Jährlich wurde bis 1936 ein jüdischer Kalender herausgegeben. In der Synagoge gab es zu Beginn der 30er Jahre einen Kindergarten, in den auch viele deutsche Familien ihre Kinder brachten.

 Antisemitismus. Die Verstärkung von sozialen und politischen Widersprüchen und eine Reihe anderer Gründe haben zur Entstehung von extremistischen Bewegungen geführt. Wieder galten die Juden als Urheber allen Übels; um 1880 entstand ein neuer Terminus dafür – der Antisemitismus war geboren. Einige Parteien und Vereinigungen benutzten den Antisemitismus als Teil der ideologischen und politischen Plattformen. Bedeutend für das Aufkommen des Antisemitismus war die Niederlage Deutschlands im I. Weltkrieg. Die Zahl der Siege im Osten und die fehlende Besetzung Deutschlands durch ausländische Armeen am Ende des Krieges vor der Unterzeichnung der demütigenden Kapitulation hat zum Verdacht der Käuflichkeit der Führung durch den „internationalen Zionismus“ geführt. Die immensen Reparationszahlungen und der Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise verursachten Ende der 20er Jahre die Verarmung weiter Bevölkerungsschichten. Aus diesem Grund wurde im Januar 1919 in Deutschland die Deutsche Arbeiterpartei gegründet, die im Jahr darauf in NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei) umbenannt wurde.

Im Januar 1921 hat Hitler Augsburg zum ersten Mal besucht und über das Thema „Die Zukunft der Arbeiter in Deutschland“ gesprochen (Parteivorsitzender wurde er im Juli desselben Jahres). Am 27. Januar 1922 wurde in Augsburg eine Ortsgruppe der NSDAP, die ca. 60 Menschen zählte, gegründet. Im folgenden Jahr waren es schon 200 (darunter 90 SA-Männer). Die erste Zeit beschränkten sie sich auf Märsche durch die Straßen der Stadt mit antisemitischen Parolen und Liedern. Schon 1923 gab es in Augsburg eine Abteilung der SA. In Juli 1924 wurde der jüdische Friedhof an der Haunstetter Straße geschändet – über 20 Grabsteine wurden zerstört und umgeworfen. Im Juli 1930 wiederholt sich dies. Anfang Februar 1931 kam in der Stadt die faschistische Zeitung „Neue Nationalzeitung“ heraus. In einer der ersten Nummern war ein Boykottaufruf abgedruckt: „Die Mitglieder der Partei und die Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung kaufen nicht bei Juden! „. (10 betroffene Geschäftsinhaber haben sich an das Gericht gewendet, das diesen Aufruf getadelt hat.) Nach der Machtergreifung 1933 wurde die Partei zur Massenbewegung.

Das Ende der zweiten Gemeinde. Am 30. Januar 1933 ernannte Präsident Hindenburg Adolf Hitler, den Führer der nationalsozialistischen Partei, zum Reichskanzler. Am 1. Februar wurde der Reichstag aufgelöst und die vollständige Machtergreifung begann. Sofort wurden Gesetze zur Diskriminierung der Juden geschaffen und der Staat verwandelte sich in ein totalitäres Gebilde. Im März 1933 wurde in der Nähe von München das erste Konzentrationslager (КZ) Dachau gebaut. Im Oktober 1933 ist Deutschland aus dem Völkerbund ausgetreten. Gleichzeitig begann offen die Wiederaufrüstung der Streitkräfte.

Am Morgen des 9. März 1933 ist Gauleiter Karl Wahl mit einer Gruppe seiner Partei in das Rathaus der Stadt Augsburg eingedrungen. Die Macht in Augsburg ging auf die Nazis über. In der Stadt begann die „Nationale Revolution“ und der Terror gegen die politischen Gegner. Im Laufe von zwei Wochen wurden ungefähr 100 Menschen (Führer und Aktivisten der kommunistischen Partei und der sozialdemokratischen Partei) verhaftet.

Das Nazi-Regime wurde von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützt. Die demagogische Überlegung der Schaffung eines „völkischen Staates“ wurde durch spürbare Verbesserungen des Lebensstandards in Deutschland, welche der nationalsozialistischen Politik zugeschrieben wurden, unterstützt. Nach der Machtergreifung haben die Nazis durch staatliche Bauprogramme (zum Beispiel: Autobahn) und die Militarisierung der Industrie die Arbeitslosigkeit herabgesetzt. Später raubte das Reich die annektierten und eroberten Länder aus. Während des Krieges bekamen die durch Bombenangriffe geschädigten Bewohner beschlagnahmtes jüdisches Eigentum und durch die Deportationen jüdischer Bürger frei gewordene Wohnungen. Ernüchterung und das Bewusstsein der Unabwendbarkeit der Strafe kamen erst spät.

Am 1. April 1933 wurde von den Nazis als erste antijüdische Aktion ein landesweiter Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt. Drei Tage zuvor, am 28. März, war in der „Neuen Nationalzeitung“ die Überschrift zu lesen: „Jetzt beginnt der Kampf gegen die Juden!“ Am 31. März hat der NSDAP-Ortsgruppenleiter Schneider ein „Komitee zur Durchführung des Boykottes von jüdischen Geschäften, Waren, Ärzten und Anwälten“ ins Leben gerufen. In Augsburg wurde gefordert, 43 große Handelsunternehmen, die Juden gehörten, zu boykottieren. Um Kritiker mundtot zu machen, war vom 30. März bis 4. April die Redaktion der Neuen Augsburger Zeitung geschlossen. Ein erstes Opfer wurde das große Handelshaus Landauer im Stadtzentrum (bis zu 200 Arbeitsplätze, Umsatz von etwa 10 Millionen RM). Das Cafe im Erdgeschoß und „Das jüdische Restaurant“ mit koscherer Küche im dritten Stockwerk des Gebäudes waren Zentren des jüdischen Lebens der Stadt. 1934 wurde das Handelshaus A. Golisch vermietet und 1939 zwangsweise „arisiert“. Bis Ende 1933 wurden 11 jüdische Geschäfte und 14 Unternehmen geschlossen, und 4 Geschäfte und 7 Unternehmen sind in „arisches“ Eigentum übergegangen. Vielen Unternehmen wurde die Unterstützung durch Banken verweigert, und sie mussten deshalb verkauft werden. Von 1934 – 1939 wurden zwei Drittel der jüdischen Unternehmen (etwa 120) geschlossen, die übrigen verkauft. In 170 Firmen wurden Juden als Mitbesitzer ausgeschlossen. Im Januar 1939 war nur ein jüdisches Restaurant (in der Bürgermeister – Fischer-Straße 11) geblieben.

Ein bedeutender Schritt, den Juden die elementaren Menschenrechte zu entziehen, war die Annahme der rassistischen „Nürnberger Rassegesetze“ im Jahr 1935. Die große Anzahl von gemischten Ehen mit nicht jüdischen Partnern (die meisten in Europa) hat dazu geführt, dass 1935 von der halben Million der Bevölkerung in solchen Ehen bis zu 70 % Juden waren. Nach Einschätzungen der Historiker hatten fast 400.000 Deutsche enge Familienbande mit Juden (wenn die Eltern Juden waren, galten die Kinder oder die Enkel als Juden).

Ab September 1935 wurden bis September 1937 im ganzen Land 348 antijüdische Gesetze und Verordnungen herausgegeben. Ab September 1937 bis zum November 1938 („Kristallnacht“) weitere 1234. Zwischen der „Kristallnacht“ vom 9.11.1938 und dem Beginn des II. Weltkrieges am 1.09.1939 wurden über 200 Verordnungen (fast jeden Tag zwei neue Verbote) veröffentlicht. Die Juden waren in ihren Rechten sehr beschränkt, ihr Leben wurde unerträglich.

Die jüdische Gemeinde kümmerte sich um die Menschen. Die Bedeutung der Synagoge änderte sich. Hier bekamen die Leute Hilfe und Ratschläge zur Emigration. Nachdem die jüdischen Kinder von den öffentlichen Schulen der Stadt ausgeschlossen worden waren, hat Fritz Levi eine Klasse mit 28 Kindern organisiert, in der alle Fächer unterrichtet wurden. Fast alle jüdischen Kinder besuchten den privaten Kindergarten von Gertrud Dann in den Räumen der Synagoge (deutschen Kinder war der Besuch untersagt). Im Juni 1935 hat die Gemeinde in der Stadt ein Sportfest mit 600 jungen jüdischen Männern durchgeführt. Von 1935 – 1937 wurden zusammen mit der zionistischen Vereinigung Bet Chaluz Kurse für Menschen, die nach Palästina emigrieren wollten, organisiert. Jugendliche aus ganz Deutschland lernten in einem Haus in der Friedbergerstrasse die jüdische Sprache, Landwirtschaft und Handwerke. In der Umgebung der Stadt organisierten sie zwei Lager. In der Gemeinde gab es viele arme ältere Leute. Schwierig war die Frage der Organisation des Altersheimes und der Fürsorge für alte und bedürftige Gemeindemitglieder. Die Gemeinde hat ein Wohnhaus in der Frohsinnstrasse erworben. Im Sommer 1938 wohnten 32 Alte in dem Haus. Nach der „Kristallnacht“ im November 1938 wurden alle Bewohner innerhalb weniger Stunden daraus verjagt. Das Altersheim hat nicht einmal ein Jahr existiert.

Nachdem die Registrierung der jüdischen religiösen Vereinigungen gesetzlich aufgehoben war, wurden sie in private Gesellschaften und Vereine umgewandelt.

Ab dem 28. März 1938 hat die Jüdische Gemeinde Augsburgs offiziell nicht mehr existiert. Das, was weiter geschah, kann man Agonie nennen. Am 30. September 1938 ist in der „Neuen Augsburger Zeitung“ die Mitteilung erschienen: „In Augsburg gibt es keine jüdischen Ärzte mehr“, und am Tag darauf „Ganz Schwaben ist frei von jüdischen Ärzten“. Die volle Gesetzlosigkeit in Bezug auf die Juden fing nach dem von den Regierenden organisierten Pogrom der „Kristallnacht“ an. Während seines Besuches in Augsburg im Jahr 2005 hat der Sohn des letzten Rabbiners der Gemeinde vor dem Krieg Doktor Ernst Jakob erzählt, dass vor dem Gebet am letzten Freitag vor dem Pogrom (am 4. November) der Vater zum ersten Mal alle offen zur Emigration aufgerufen hat. Bis zu dem Zeitpunkt hatte er gehofft und wollte niemand herausfordern. Die Ereignisse der Nacht hat Sofie Dann, die Tochter des Vorstandes der Synagoge ausführlich beschrieben. Am 10. November sind in der Nacht 20 bis 30 junge Männern (in Zivil), ausgerüstet mit Stangen, Äxten und Keulen gewaltsam in die Synagoge eingedrungen, haben die Telefonleitung durchschnitten und begonnen, die Dokumente zu zerstören. Im Grossen Saal zerschlugen sie Leuchter und die heiligen Gegenstände, einschließlich der Tora-Rollen. Kurz danach stieg Qualm auf und Brandgeruch machte sich breit. Um 4 Uhr am Morgen löschte die Feuerwehr den Brand wegen der Sicherheit der umgebenden Gebäude und der nahegelegenen Tankstelle. Die Durchsuchungen (bei denen viele Dinge gestohlen wurden), die Zerschlagung des Inventars und die Verhöre der Juden dauerten mehrere Tage. Die Juden wurden danach der Zerstörung der Telefonleitung und der Brandstiftung bezichtigt. Obwohl das Gebäude intakt wirkte, war es im Innern schwer beschädigt. Einige Juden wurden gezwungen Talit anzulegen, Zylinder aufzusetzen und einen Lkw mit Tora-Rollen, Büchern, Tales zu beladen und darüber Kohl aufzuschichten. Alles wurde in das bereits geschlossene Altersheim in der Frohsinnstrasse gebracht. In dieser Woche wurden 319 Juden im Alter bis zu 70 Jahren aus der Stadt in das Lager Dachau gebracht, wo sie über einen Monat geblieben sind.

Sehr schnell wurden die Juden ihres Eigentums beraubt. Emigranten mussten eine „Fluchtsteuer“ bezahlen, die dem Reich bis zum März 1937 186 Millionen Reichsmark einbrachte. Am 12. November 1938 wurde den Juden Deutschlands eine Sondersteuer von einer Milliarde RM auferlegt. Im Sommer 1939 waren die Juden die ärmste Bevölkerungsgruppe des Landes. Die Gesamtsumme des geraubten jüdischen Eigentums betrug etwa 8,426 Milliarden Reichsmark.

Am 30. April 1939 ist der Beschluss über die Übersiedlung der 550 in Augsburg verbliebenen Juden aus „arischen“ in „jüdische“ Häuser in Kraft getreten. In der Umgebung der Synagoge wurden ca. fünfzehn solcher Häuser ausgewählt. Ab September 1941 waren die Juden Deutschlands verpflichtet, an der Kleidung vorn und hinten einen gelben sechszackigen Stern zu tragen. In Augsburg trugen 29 Kinder den Stern.

Als Höhepunkt des Kampfes gegen Juden hat SS-Obergruppenführer Heydrich bei der Wannsee-Konferenz verkündet: „Die Endlösung der «Judenfrage» ist die biologische Vernichtung der Juden“. Am 27. November 1941 wurden die ersten Juden Schwabens (über 20 Menschen) nach Osten deportiert und im Wald bei Kaunas erschossen. Insgesamt rollten 1941 – 1942 sieben Transporte mit 450 Menschen aus der Stadt in die Vernichtungslager. Im September 1944 wohnten in der Stadt noch 57 Juden in Mischehen (13 von ihnen wurden im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert.) Von Juli 1942 bis zum Februar (!) 1945 sind noch 4 Transporte gefahren. Insgesamt wurden aus der Gemeinde der Stadt und aus der Umgebung 613 Menschen deportiert. Die physische Existenz der jüdischen Gemeinde Augsburgs war beendet. Die Gemeinde der Stadt Augsburg, wie auch tausende anderer Gemeinden Europas, ist im Feuer der Katastrophe umgekommen. Von 1030 Juden der zweiten Gemeinde Augsburgs konnten nicht einmal 600 Menschen in andere Länder (davon 35 Menschen nach Palästina) ausreisen.

Auf dem Friedhof an der Haunstetter Straße befinden sich Gräber von Gemeindemitgliedern, die sich vor der Deportation das Leben genommen haben: Paul Englander mit Frau, Ludwig Friedman mit Frau und andere. Sie werden nicht wie Selbstmörder angesehen, sondern als Märtyrer respektiert. Auf einigen Grabsteinen stehen die Nachnamen der Menschen, die nach Auschwitz, Piaski, und in andere Vernichtungslager deportiert wurden. Das genaue Todesdatum fehlt auf diesen Steinen. 1950 wurde am Eingang eine Gedenkstätte für die 6 Millionen Juden, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, errichtet.

Welche Leute umgekommen sind, wird am Beispiel eines Gemeindemitgliedes, das sich vor dem Krieg retten konnte, sichtbar. 1933 war der 20-jährige Ernst Kramer Mitbegründer des Vereins der deutsch-jüdischen Jugend (sein Vater Martin Kramer hatte in den 30er Jahren zusammen mit Brecht die „Augsburger Literarische Gesellschaft“ gegründet). Nach dem Pogrom der „Kristallnacht“ war Ernst 6 Wochen lang im Konzentrationslager Buchenwald interniert. 1939 gelang es ihm, nach Amerika zu emigrieren. Mit vielen Bemühungen und großen Anstrengungen bekommt Kramer die Erlaubnis zur Einreise der Eltern und des Bruders nach Amerika. Aber viel zu spät – die Ausreise aus Deutschland war mittlerweile verboten. Die Eltern und der Bruder wurden deportiert und ermordet.

Kramer ist 1945 mit der amerikanischen Armee zurückgekehrt. Nach dem Krieg hat er sich mit Journalistik beschäftigt und großen Erfolg gehabt, wurde Professor, Doktor, Stellvertreter des Zeitungsmagnaten Springer, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Ehrenbürger der Stadt Augsburg und erhielt eine Reihe weiterer ehrenvoller Auszeichnungen und Titel. Am 27. Januar 2006 war Kramer Hauptredner bei der Sitzung des Bundestages, die dem Gedächtnis der Opfer des Holocausts gewidmet war. Viele Jahre, solange es seine Gesundheit erlaubte, kam er regelmäßig nach Augsburg. Am 1. September 2005 hat er bei der Feier zum 20-jährigen Jubiläum der Wiederherstellung der Synagoge über das Hauptziel der Reise erzählt:

„Ich sehe Sie vor mir, aber das Bild scheint sich zu verändern. Es tauchen andere Gesichter, besonders die der ehemaligen Mitglieder dieser Gemeinde auf. Statt Ihnen sehe ich Ihre Mütter und Väter, Ihre Großmütter und Großväter. Viele Bekannte sitzen in diesem majestätischen Raum. Dort unten saß Eugen Strauss, der Vorsitzende der Gemeinde. Auf dieser Seite war der Platz meines Vaters; dort oben der meiner Mutter. Hier saßen links die Rabbiner, der Doktor Richard Grünfeld und später Doktor Ernst Jakob. An den beiden Seiten die Plätze für die Kantoren Steinfeld und Hyman. Rechts saß würdevoll und fest die Ordnung in der Synagoge garantierend der Schammes Albert Dunn. An den Seiten saßen wir, die Kinder.

Von oben ertönte der Chor, es erklang die prächtige Stimme von Edith Buxbaum: «…ich weiß, an wen ich glaube, und wo mein Retter wohnt …» – ihr Gesang war sehr aufwühlend.“

Bei jedem Besuch setzte sich Ernst auf den Platz seines Vaters im Parkett und stieg später auf den Balkon hinauf und saß einige Zeit an der Stelle, wo seine Mutter einst gebetet hatte.

Nach seinem Tod im Januar 2010 wurde Doktor Kramer neben seiner Frau auf den Friedhof der Gemeinde bestattet.

Die Zweite Gemeinde existierte offiziell 78 Jahre.

DRITTE GEMEINDE (ab Mai 1946).

Der Anfang. Am 28. April 1945 ist die 7. amerikanische Infanterie-Division nach Augsburg gekommen. Im Mai 1945 sind die ersten 25 Juden, die früher in Augsburg und der Umgebung gelebt und die Flamme des Holocausts überlebt hatten, zurückgekehrt. Die Mehrheit kam aus dem am 7. Mai befreiten Lager Theresienstadt. Zwei Menschen (Ludwig Frank und Маx Bissinger) haben das schreckliche Auschwitz überlebt. Im Mai 1945 sind aus den befreiten Konzentrationslagern mehr als zwei Dutzenden Juden aus Osteuropa angekommen. Die Rückkehrer besuchten G-ttesdienste, die von gläubigen Juden der amerikanischen Besatzungsarmee abgehalten wurden. Heinz Landman, der mit der amerikanischen Armee nach Augsburg zurückkehrte, beschreibt eines der ersten Gebete: „In der Dunkelheit sah man die kleinen von der amerikanischen Armee gestifteten Tora-Rollen aus Papier. Mit Tränen in den Augen kam ich zum Gebet. Wenn ich am Pult stand, habe ich die verheerenden Folgen der «Kristallnacht» – den vollständig ausgebrannten großen Saal gesehen.“ Später wurden die Gebete im Haus Nummer 14 in der Hallstraße durchgeführt.

Das Dokument von den Wahlen zum ersten Vorstand der „Vereinigung der Juden Augsburgs“ ist auf den 3. Juni 1945 datiert. Nach der Reorganisation, an der auch die Militärverwaltung mitwirkte, ist in der Presse folgende Mitteilung erschienen: „… ehemalige «Jüdische Religiöse Gemeinde Augsburg» hat nach dem 30. Mai 1946 wieder ihre Arbeit im vollen Umfang“ aufgenommen. Dieses Datum kann man als den Anfang der offiziellen Existenz dieser jetzigen, dritten jüdischen religiösen Gemeinde Augsburgs bezeichnen.

Am 12. Januar 1946 haben die Vertreter von 12 Gemeinden Bayerns den Landesverband jüdischer Gemeinden Bayerns gegründet. Zum Landesverband gehörten Gemeinden der Städte Amberg, Augsburg (234 Personen), Bamberg, Bayreuth, Fürth, Hof, München (2462 Personen), Nürnberg (210 Menschen), Passau, Regensburg, Straubing, Weiden, Würzburg. Mehr als 80 % der neuen Gemeindemitglieder wohnten bis zum Krieg in Osteuropa; in der Mehrheit sind sie in den Gemeinden als verschleppte Personen (Displaced Persons – DP) angekommen.

Der Landesverband verhandelte mit den Ämtern, überwachte die Bezahlung der Kirchensteuer und hat das jüdische Arbitragegericht gegründet. Später ist er in den Zentralrat der Juden Deutschlands (ZdJ), der 1950 gegründet wurde und 50 Gemeinden mit 25.000 Mitgliedern vereinigte, übergegangen. Zu dieser Zeit gab es noch ungefähr 10 – 15 tausend im Land wohnende Juden, die keiner Gemeinde angehörten. Seit September 1957 kümmerten sich die Friedhofs – und Archivabteilungen des Landesverbandes vertragsgemäß gemeinsam mit der bayerischen Regierung um die herrenlosen geschlossenen Friedhöfe Bayerns.

1946 lebten in der religiösen Gemeinde in der Stadt schon über 100 Menschen. Die liberalen deutschen Juden und die Orthodoxen aus Osteuropa hatten verschiedene Ziele: die deutschen Juden dachten an die Wiedergeburt der Gemeinde, und die osteuropäischen an die kommende Ausreise nach Palästina oder Amerika. (die Massenemigration hat nach dem 31. August 1949 aufgehört.) In der ersten Zeit wurde sogar getrennt gebetet. Zwischen den Gruppen kamen Spannungen auf. Die Zugezogenen waren keine Bürger Deutschlands, deshalb wurden sie auch in den Dokumenten extra registriert.

Einige Nachrichten über das alltägliche Leben unserer Vorgänger geben im Archiv erhalten gebliebene Dokumente der Augsburger Gemeinde. In der Gemeinde wurden regelmäßig G-ttesdienste durchgeführt, es wurden die jüdischen Feiertage begangen. Die Korrespondenz Ende der 40er Jahre ist der Hilfeleistung gewidmet. 3, 5, hin und wieder 10 oder mehr Mark. Einmal im Monat bekam jeder vierte aus dem Bestand der Gemeinde Lebensmittel (einige Konserven, ein wenig Kaffee, Mehl, Milchpulver).

1958 kam nach dem Tod seiner Mutter der legendäre Mietek Pemper aus Polen in die Stadt und wurde ein Gemeindemitglied. Er war einer der Verfasser der „Schindler-Liste“. Mit eigener Hand hat er am 18. April 1945 die letzte Liste geschrieben, die etwa 1200 Juden rettete, was damals noch nicht allgemein bekannt war. Herr Pemper ist Ehrenbürger der Stadt Augsburg, Träger des Bundesverdienstkreuzes und vieler weiterer Auszeichnungen und Ehrentitel. Wenn es seine Gesundheit erlaubt, kommt er zu den Gebeten und zu Feiertagen in die Synagoge und nimmt, soweit es ihm seine Kräfte erlauben, aktiv am Gemeindeleben teil.

Anfang 1960 ist die Familie von Herrn Friedman nach Deutschland zurückgekehrt. Sein Vater war ein jahrelanges Mitglied des Vorstands der Gemeinde vor dem Weltkrieg. Im März 1939 begingen seine Eltern Selbstmord, um der Deportation nach Auschwitz zu entgehen. Friedrich Friedman ist schon 1933 nach einer kurzen Inhaftierung nach Italien ausgereist. Von dort nach England und nach 1940 in die USA, wo er lehrte und zu einer Berühmtheit auf dem Gebiet der Soziologie wurde. Nach seiner Rückkehr arbeitete der Professor, Doktor der Wissenschaften verschiedener Richtungen, Ehrendoktor einiger Universitäten und Träger des Bundesverdienstkreuzes an der Universität München und war bis zu seinem Ableben im Januar 2008 eines der ältesten Mitglieder der Gemeinde Schwaben-Augsburg. Ein Gemeindemitglied ist seine Tochter Mirjam.

1950 ist Herr Spokojny, der 1923 in Polen geboren wurde und das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat, nach Augsburg gekommen. In Augsburg hat er einen Textil-Großhandel, der ein großes Sortiment an modischen Produkten und an Feinwäsche anbot, gegründet. In seiner Firma JUSSY arbeiteten bis zu 500 Menschen. Julius wurde sofort Gemeindemitglied und hat im ersten Jahr in der Gemeinde den Kindergarten und die Religionsschule gegründet. Er hat sich in den Konflikt zwischen den Gruppen der Gläubigen aktiv eingemischt und gleiche Rechte auch für die Neuankömmlinge erreicht. Ab 1950 war er zweiter Vorsitzender, und ab 1965 Vorsitzender des Gemeindevorstandes. Ab 1956 wurde er Mitglied des Präsidiums, ab 1960 Vizepräsident, und ab 1974 Präsident des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Bayerns. 1979 fand im Festsaal der Synagoge die Sitzung des Zentralrates der Juden in Deutschland statt, dessen Mitglied Julius Spokojny seit 1973 war. Unter ihm wurde am 23. Mai 1960 das bis 2009 gültige Statut der Gemeinde angenommen. Dies war der Beginn der „Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg“.

1962 zählte die Gemeinde 234 Mitglieder und 44 Kinder.

Die Wiederherstellung der Synagoge. Die vom schwarzen Ruß überzogenen Räume der Synagoge wurden zunächst als Unterkunft für durchreisende Truppentransporte verwendet, später wurden im großen Saal die Kulissen des Stadttheaters aufbewahrt (die Sitzreihen waren verbrannt). In der Kuppel richtete sich ein Beobachtungsstand der Luftabwehr ein. Die Räume der Gemeinde wurden von der Luftwaffe als Verwaltungsräume verwendet. In den leer stehenden Räumen nisteten Tauben. Der Schmutz war unbeschreiblich. Alle Räume brauchten umfassende Reparaturen. Der erste Kostenplan zur Durchführung der Arbeiten wurde nach der Wiederherstellung des Gebäudes im Jahr 1947 aufgestellt. Der Nachkriegsruin und die Armut der Gemeinde haben es nicht sofort erlaubt, mit den Arbeiten zu beginnen. Übrigens haben die großen Gemeinden Deutschlands begonnen, die Synagogen und die Gemeindezentren hauptsächlich nach 1980 zu bauen, es war die Arbeit der Juden der zweiten Generation.

Während der Bombardierungen wurde ein Großteil der Gebäude in der Stadt zerstört. Die am wenigsten beschädigten Zimmer der Synagoge wurden 1958 für kulturelle Zwecke verwendet: der Kindergarten, die Klassen der Schule, die Räume für die Kinderbetreuung und weitere Räumlichkeiten.

Das erste große Bauprojekt der Gemeinde war 1961 – 1962 das Gebäude für Trauerzeremonien auf dem jüdischen Friedhof (das alte Gebäude war während der Bombenangriffe zerstört worden). 1982 wurde auf dem Friedhof eine riesige steinerne Menora, das älteste Symbol des Judentums, errichtet.

Es begannen die Arbeiten zur Wiederherstellung des kleinen Saals der Synagoge, der am 15. Dezember 1963, am Feiertag Chanukka, feierlich eingeweiht wurde. Bis jetzt wird hier die Mehrzahl der Gebete durchgeführt.

Die Arbeiten zur Wiederherstellung des großen Saales und der ganzen Gebäude begannen 1967 und dauerten 18 Jahre. Ein wesentlicher Organisator war Julius Spokojny. 1985 feierte Augsburg das 2000-jährige Stadtjubiläum. Zu diesem Zeitpunkt waren der große Saal und die übrigen Räume wiederhergestellt und hatten die moderne gegenwärtige Gestalt angenommen. Die Reparatur und die Ausstattung kosteten über 4,2 Millionen D-Mark. Am 1. September 1985 (15. Elul 5745 nach dem jüdischen Kalender) fand die große Feier, die dem Abschluss der Wiederherstellung und der Einweihung des großen Saales der Synagoge gewidmet war, und die Gründung des „Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben“ statt. Bei den Feierlichkeiten waren 300 Gemeindemitglieder anwesend, daneben über 800 Gäste aus 16 europäischen Ländern und von allen Kontinenten. Unter den geladenen Gästen befanden sich auch 150 Juden, die bis zur Machtübernahme durch die Nazis in Augsburg und Schwaben gelebt und die tragische Zeit überstanden hatten. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hat die wiederhergestellte Synagoge ein Symbol der Versöhnung genannt und in seiner Begrüßung geschrieben: die Bundesrepublik Deutschland „will ein neues Vaterland und Heimat“ für die jüdischen Mitbürger werden. Die deutsche Post hat zum Gedenken an das Ereignis eine Sondermarke herausgegeben und einen Ersttagsbrief, der einen Sonderstempel mit der Aufschrift: „Zur Wiedereinweihung der Synagogen, die am 9. November 1938 zerstört wurde“ trug, auf den Markt gebracht.

Das Gebäude ist eine der schönsten Synagoge in Deutschland mit der ursprünglichen Architektur und bis heute eine Zierde für die Stadt. 2005 wurde die Ausstellung des Museums für jüdische Kultur, das große Aufklärungsarbeit leistet, vollständig erneuert.

Die neue Emigration und die Gemeinde heute. Seit 1987 ist die damals 247 Mitglieder zählende Gemeinde wieder aufgelebt und hat eine würdige Stelle im Leben der Stadt eingenommen. Das verdankt sie den Bemühungen vieler Mitglieder und in erster Linie dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden Senator Julius Spokojny. Nach seinem Tod im Jahr 1996 wurde Dr. Iradj Neman, der aus dem Iran nach Deutschland gekommen war, der neue Vorsitzende. Die Gemeinde zählte über 300 Mitglieder. Das religiöse Leben hat 1996 der Rabbiner R. Unger geleitet. Die Mehrheit der „alten“ Gemeindemitglieder, wohnte bereits seit über zwanzig Jahre in Augsburg. Fast alle stammten aus den Ländern Osteuropas (Polen, Tschechoslowakei, Rumänien etc.). Seit der Kindheit in der orthodoxen Tradition erzogen, sahen sie in der Gemeinde eine religiöse Gesellschaft.

Ab 1996 ist die Gemeinde zweimal durch Emigration der Juden aus den Ländern der ehemaligen UdSSR gewachsen. Die Zusammensetzung aller Gemeinden Deutschlands hat sich geändert: 1990 bildeten die Neuankömmlinge 27 % und 2003 97,5 % der Gemeindemitglieder. Einige der schon länger ansässigen Juden, einschließlich des Vorstandes, verhielten sich den Neuankömmlingen gegenüber nicht sehr freundlich. Für sie war es nicht leicht, das ihnen fremde Leben und die unbekannten religiösen Bräuche der „Neuen“, zu akzeptieren und zu verstehen. Ein Höhepunkt der Streitigkeiten war der Vorstandsbeschluss, dass niemand ein Wahlrecht in der Gemeinde habe, der weniger als 2 Jahre in der Gemeinde lebe. Deshalb haben die Herren A. Barasch, A. Levin und G. Sasonko einen Antrag an das Arbitragegericht geschrieben. Nach dem Urteil ist Dr. Neman zurückgetreten, und die Wahlen zum Vorstand führte der vom Landesverband ernannte Kommissar Berkal im Oktober 1999 durch.

Von 5 Mitgliedern der neuen Leitung sind zwei (A. Levin und G. Sasonko) in den letzten Jahren hier angekommen. Die Vorsitzende Frau S. Bergerhausen konnte keine würdige und friedliche Entwicklung der Gemeinde organisieren. In den nachfolgenden Zusammensetzungen kam nur ein Mitglied des Vorstandes von den „Ureinwohnern“. Leider sind an der Gemeinde die „Kinderkrankheiten“, welche für die Mehrheit der jüdischen Gemeinden in Deutschland in den letzten Jahrzehnten charakteristisch waren, nicht vorbeigegangen. Dazu kamen der Kampf um die Macht, und das nicht vorbildliche Verhalten einiger Vorsitzender, und die Einsetzung einer kommissarischen Leitung und die nicht kompetente Führung, die beinahe zum Finanzbankrott führte. In einer sich entwickelnden Gesellschaft kann nicht alles glatt gehen.

Ende 2001 hatte die Gemeinde das Niveau vom Anfang der 30er Jahre erreicht und zählte 1243 Mitglieder. Davon lebten nur 83 Menschen 20 Jahre und länger in Deutschland. Im November 2001 fanden die nächsten Neuwahlen zum Vorstand statt. Die neuen Leute (der Vorsitzende war Dr. M. Worm) haben aktiv damit begonnen, Ordnung zu schaffen, was nicht allen gefallen hat. Im April 2002 erklärte das jüdische Gericht Bayerns die Wahlen „aus Mangel an Kabinen zur geheimen Abstimmung“ für ungültig. Der Vorstand wurde abgesetzt. Die Aktivität der Gemeinde war für längere Zeit praktisch gelähmt. Ein schwerer Schlag war die Zerstörung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – die praktische Liquidation der Ausbildung und der Hinführung der Kinder zum Judentum. Wieder begann ein schwerer und langwieriger Kampf. Die Aktivität vieler Gemeindemitglieder (A. Levin, L. Ukelson und anderer) hat dazu geführt, dass nach Beschluss des jüdischen Gerichtes beim ZdJ die demokratischen Wahlen zum Vorstand im März 2003 durchgeführt wurden. Als Vorsitzender wurde Dr. M. Worm wiedergewählt. Die Gemeinde ist merklich aufgelebt. Jugend- und Kulturzentrum nahmen die Arbeit auf. Nach einem Beschluss der Vollversammlung ist der orthodoxe Rabbiner R. Unger, der Probleme mit der Mehrzahl der Mitglieder hatte, von der Gemeinde entlassen worden. Die Leitung des religiösen Lebens hat der Rabbiner Dr. Henry G. Brandt, Vorsitzender der allgemeinen liberalen Rabbinerkonferenz Deutschlands, Vorsitzender des jüdischen religiösen Gerichtes (Beth Din), Inhaber vieler Ehrentitel und Auszeichnungen übernommen. Wie schon 100 Jahre zuvor ist der Übergang zum reformierten Judentum ohne Probleme vollzogen worden.

Nach den Wahlen von 2003 hat die Inkompetenz der Führung (der zweiten Vorsitzenden, später Vorsitzenden des Vorstandes Frau D. Ivleva) die Gemeinde in den finanziellen Bankrott geführt. Im Frühjahr 2005 wurde A. Mazo Vorstandsvorsitzender. Es begann ein komplizierter Prozess zur Überwindung der finanziellen Probleme und der Schwierigkeiten in der Verwaltung.

In den letzten Jahren hat sich die Lage der Gemeinde stabilisiert. Regelmäßig werden G-ttesdienste durchgeführt, die jüdischen Feiertage werden in der einzigen aktiven Synagoge Schwabens begangen. Zu Kabbalat Schabbat versammeln sich soviel Menschen, dass man oft den zweiten Raum des kleinen Saals benutzen muss. Man kann jüdische Traditionen und Hebräisch lernen und auch den Lesesaal mit religiöser Literatur besuchen.

Die Sozialabteilung hilft Neuankömmlingen bei Kontakten mit offiziellen Stellen. Das Hilfszentrum unterstützt Rentner und Invaliden, begleitet sie zu Ärzten und hilft bei vielen Problemen. Die Integrationsabteilung macht sich viel Arbeit damit, den Neuankömmlingen die Anpassung zu erleichtern. In der Gemeinde arbeitet die Sonntagsschule, es gibt Deutschkurse, eine Computerklasse, eine Bibliothek, den Jiddischklub, den Veteranenklub, den Frauenklub „Esther“, den Schachklub, ein „Lesecafé“, eine Gesundheitsgruppe und anderes.

Das Gebäude für Trauerzeremonien auf dem Friedhof (Haunstetterstraße) wurde repariert. Es ist nicht wieder zu erkennen und hat das frühere Erscheinungsbild des Friedhofes verändert.

Vertreter der Gemeinde nehmen am kulturellen Leben der Stadt teil. Viele Projekte wurden verwirklicht. Erfreulich ist, dass viel Arbeit in die Kinder investiert wird, die ja die Zukunft der Gemeinde sind. Die Musikgruppe „Schtetele“ gibt Konzerte mit jiddischen Liedern in ganz Deutschland. Das Jugendzentrum führt Veranstaltungen für die Jugend durch. Seit 2005 erscheint die monatliche Zeitung der Gemeinde „Anzeiger“ (Auflage 300 – 400 Exemplare). Seit 2007 kommt der Kalender der Gemeinde mit der Zeit zum Anzünden der Shabatt – Kerzen für Augsburg heraus. 2008 ist eine Sammlung von Artikeln und Dokumenten des Archivs der Gemeinde mit dem Titel „Beiträge und Quellen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Augsburg“ herausgekommen. (Verlag IKG Schwaben – Augsburg; gedruckt bei „Aurus Minidruckerei“, Augsburg).

2005 wurde von der Vollversammlung ein Beschluss über die Vorbereitung einer neuen Satzung gefasst, da sich viele Tatsachen des Lebens seit 1960 geändert haben. Nach vielen Streitereien und einer sorgfältigen Erörterung hat im März 2009 die Vollversammlung das neue Statut und die Vorschriften, die die Arbeit der wählbaren Organe der Gemeinde (Vorstand, Revisionskommission, Wahlkommission) bestimmen, angenommen.

Die große Vorarbeit für die Projekte, die das Leben der Gemeinde auf Jahre hinaus bestimmen werden, ist beendet. In erster Linie ist es die Schaffung eines neuen Friedhofes. Unter Berücksichtigung des vorgerückten Alters der Mehrheit der Gemeindemitglieder reichen die freien Plätze auf dem gegenwärtigen Friedhof nur noch für 2 – 3 Jahre.

Erst vor einigen Jahren hat eine Fachkommission festgestellt, dass der Zustand des Gebäudes der Synagoge eine Reparatur (Riss in der Kuppel usw.) erforderlich macht. Zum gegenwärtigen Tag wird zusammen mit den städtischen Organisationen die Projektdokumentation der kostspieligen Reparatur (nach den vorläufigen Daten etwa 5 Millionen €) vorbereitet.

Am 31. Dezember 2009 wurden in der Gemeinde 1526 Mitglieder gezählt. Die Juden beschweren sich nicht selten, sind aber im Inneren Optimisten. Die Zukunft der Gemeinde hängt in erster Linie von ihren Mitgliedern ab. Sie können vieles dazu beitragen, dass in den kommenden Jahren neue Generationen in die Gemeinde kommen, die sich an ihre Verwandtschaft und mit Dankbarkeit an die erinnern, die das prächtige Gebäude, die altertümlichen Friedhöfe und – als das Wesentliche – die Tradition der jüdischen religiösen Gemeinde Schwabens – Augsburg bewahrt haben.

Die 3. Gemeinde existiert nach 1946 offiziell schon über 70 Jahre.
In der Stadt Augsburg und der Umgebung wohnen seit mehr als 2000 Jahren Juden.
Offiziell existierten jüdische religiöse Gemeinden in der Stadt weniger als 350 Jahre:
1250 bis 1438; 1861 bis 1938; seit 1946.

 SCHLUSSBETRACHTUNGEN

Vor zweieinhalbtausend Jahren, zur Zeit der „babylonischen Gefangenschaft“ haben sich die ersten religiösen jüdischen Gemeinden gebildet, welche die Überlebensfähigkeit des Volkes in den kritischen Zeiten gewährleistet haben. Ungeachtet der vielen grausamen und tragischen Prüfungen ist die Gemeinde in Augsburg wieder aufgelebt, hat die Juden der Stadt vereinigt und strebt danach, die Besonderheiten des Volkes zu bewahren.

Nach der jüdischen Tradition ist das wirksamste Gebet ein kollektives, von einem „Minjan“ (mind. 10 Männer). Die Religionslehrer glauben, dass ein gemeinsames Gebet zum Allerhöchsten im Namen der ganzen Gemeinde geschieht und dem Allgemeinwohl dient. Diese Überlieferung aus alter Zeit wird von den vernünftigen und aktiven Gemeindemitgliedern im alltäglichen Leben befolgt. Nur die gemeinsamen, den Kräften angemessenen Beiträge aller bringen die Gemeinde vorwärts und zum Blühen.

Die Jüdische Gemeinde in Augsburg lebt entsprechend des Wortes des Propheten: „… bitte um Frieden für die Stadt, in die ich Sie vertrieben habe, und bete zu G-tt, dass ihnen Wohlstand und Frieden wird.