Rabbinat

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Sehr geehrte Gemeindemitglieder,

nach vielen Jahren seiner Tätigkeit als Gemeinderabbiner beendete Herr Rabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt seine Arbeit in unserer Gemeinde.

Rabbiner Brandt kam nach Augsburg im August 2004, zu einer Zeit, in der Leben der Gemeinde in allen Bereichen ihres vielfältigen Lebens „eingefroren“ war. Die Gemeinde hatte viele Risse und viele Probleme, sowie ein völliges Fehlen eine Perspektive und keine Vorstellung, was zu tun ist und wie man die Schwierigkeiten beseitigt. Dank des Vorstandswechsels im April 2005 begann für die Gemeinde nach diesem „Erdrutsch“ und der massiven Krise eine schwierige Genesungsphase.

Zu dieser Zeit wurde Herr Brandt aktiv am interreligiösen Dialog, an dem Juden und Christen beteiligt sind, begann an der Universität Augsburg zu unterrichten, sprach die Öffentlichkeit über das BR-Rundfunk an und beteiligte sich aktiv am Leben des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben. Die Ergebnisse seiner vielfältigen Tätigkeiten wurden geschätzt und anerkannt – sowohl auf regionaler als auch auf Bundesebene. Der Höhepunkt der Anerkennung seiner Verdienste ist die Verleihung des Ehrenbürger-Titels der Stadt Augsburg.

Herr Rabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt ist seit dem 01. April 2019 aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden.

Wir bedanken uns herzlich für seine langjährige Arbeit und wünschen ihm ein langes Leben, gute Gesundheit und alles Gute.

Der Vorstand


 

Rabbiner der Gemeinde…

„Du aber sieh’ dich im ganzen Volk nach tüchtigen, gottesfürchtigen und zuverlässigen Männern um, die Bestechung ablehnen“ – diesen Rat erteilte Mose von Midian, der zum Judentum übertrat, Jitro.

Das war eine der ersten Forderungen des sich in der Entstehung befindenden jüdischen Volkes an die Menschen, die zu Gelehrten wurden und in den schwierigsten, zum Teil sehr verworrenen Situation im Leben eines Einzelnen, der Gesellschaft, der Gemeinde helfen mussten – also an Gemeinderabbiner.
Was schon für sich genommen hohe Anforderungen an diejenigen stellt, die die Bezeichnung „Rabbiner“ für sich beanspruchen.
Egal wie hoch die Anforderungen an die Weisheit eines Rabbiners sind, sind die Anforderungen an seine sittlich-moralische Reinheit noch höher.

In Talmud steht, dass ein Weiser, der einen Fleck auf seiner Kleidung hat, den „Tod“ verdient. Einen „Fleck“ im wörtlichen Sinne, denn wenn er dreckige Kleidung trägt, wird das Ansehen der Thora in den Augen der Menschen beeinträchtigt. Und auch im übertragenen Sinne – ein Rabbiner muss in seinen Taten, Worten und Gedanken unbefleckt sein.

Auch heißt es, dass ein Rabbiner, dessen Inneres nicht seinem Verhalten entspricht nicht „weiser Schüler“ genannt werden kann. Ein Ethikprofessor muss sich nicht ethisch verhalten – an einen Rabbiner ist das aber die wichtigste Anforderung.
Je höher ein Rabbiner steht, desto bescheidener und einfach ist er, insbesondere gibt es keinen Widerspruch zwischen seinen Worten und Handlungen, kein Auseinanderfallen davon, was er im Herzen und auf den Lippen trägt. Wenn man von Rabbinern spricht, spricht man nicht von ihrer Genialität, diese sieht man schon in ihren Büchern, man spricht von ihrer Rechtschaffenheit und Frömmigkeit in den kleinsten Handlungen.

Außerdem gibt es eine lange Liste an strikten Anforderungen an die „weisen Schüler“, wie man Rabbiner nennt, die an keinen anderen Juden gestellt werden. All das zusammen macht den Begriff eines Rabbiners aus.

In unserer früheren Realität waren wir sehr weit entfernt von einem richtigen Lehrer oder einer richtigen Lehre, sehr wenige Menschen versuchten, den wahren Weg zur Erleuchtung und Weisheit auf einem dermaßen für uns ungewohnten Bereich, der Lehre unserer Vorfahren, zu finden.

Später erhielten alle, die einen entsprechenden Wunsch hatten, die Möglichkeit eines offenen Zugangs zum neuen Wissen. Es war ein komplizierter, für viele schmerzvoller Prozess, viele haben diese Möglichkeit zu spät erhalten, sie hatten keine Zeit mehr.

In dieser für jeden von uns komplexen Zeit ist es nach wie vor zweifellos sehr wichtig, eine Möglichkeit zu haben, einen Menschen um Hilfe oder Rat zu bitten, der die Weisheit besitzt, einen Gemeinderabbiner, der einen Thora-Schrank öffnet und wenn er einen Neugeborenen vor sich hat ihm einen zweiten Namen gibt um zu versuchen, diesem Kind besseres Schicksal zu verleihen, der einem Menschen in der Endphase seines Lebens hilft, keine Angst zu haben und Hoffnung zu finden, seinen Glauben befestigt, dass hinter allem im Leben der Schöpfer steht, der uns zum Guten und Wahren führt.

Wir wissen vieles nicht, vieles blieb und bleibt uns verborgen. Und heute, in der Zeit, die von vielen Informationsquellen übersättigt ist, bleibt das Wesen eines Menschen unverändert; es ist sehr wichtig herauszufinden, was wahr ist und was nicht und dabei ist die Mitwirkung eines Rabbiners unersetzlich.

Was die jüdische religiöse Gemeinde im 21. Jahrhundert angeht, im Westeuropa, 40 Minuten Autofahrt von einem Konzentrationslager entfernt, in Hinblick auf unsere gesamte Geschichte im 20. Jahrhundert, ist die Rolle eines Rabbiners bei der Entstehung der Gegenwart, der behutsamen Bewahrung der Vergangenheit und insbesondere der Schaffung der Zukunft ein zentrales Element, ohne das die Zukunft, die so oder so kommen wird, niemals so vollwertig und inhaltsreich sein wird, wie sie sein soll.

Die letzte Periode der Geschichte unserer Gemeinde, von 2004 bis zum heutigen Tage war reich an Ereignissen und viele davon waren sehr negativ. Wir mussten viele Probleme sehr schwieriger Natur lösen und Antworten dort finden, wo es keine gibt oder wo sie sehr tief begraben sind; hierbei ist eine fundierte religiöse Meinung sehr wichtig, die nicht nur eine aktuelle Frage beantwortet, sondern auf Wissen und Talent basiert und fähig ist, Menschen die Wahrheit nahezubringen und zu zeigen, wie es laufen muss.

Der Vorstand der Gemeinde, der durch seine Tätigkeit die ihm übertragenen Aufgaben erfüllt und keinen Anspruch auf Wahrheit in letzter Instanz erhebt, ohne die Rolle eine Richters oder Staatsanwalts zu übernehmen, aber die Interessen der Gemeinde verteidigt ist überzeugt, dass die Gemeinde stabil und reif genug ist, eine Zukunft hat und diese aufbauen wird mit einem ehrlichen, klugen, weisen, echten Rabbiner an ihrer Seite, einem Rabbiner wie er sein soll. Wir zweifeln nicht daran, dass es möglich ist und dass uns die Begegnung mit ihm bevorsteht.

Alexander Mazo