Erinnerungskultur 30. Juni 2019 in der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg

Erinnerungskultur 30. Juni 2019 in der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg

Jeder kennt den Grundsatz: Damit die Tragödie nicht wiederholt wird, darf sie nicht vergessen werden. Dieses Axiom bewegt uns zum Bewahren des Gedenkens der Mitglieder unserer Gemeinde aus der Vorkriegszeit, die in der NS-Zeit umgebracht wurden. Wir sind auch der Meinung, dass nicht nur wir, die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde, sondern auch jeder anderer Mensch es wissen und sich daran erinnern soll, wie die nazistische Bande im Laufe weniger Jahre die deutsche Bevölkerung dermaßen irreführte, dass diese alle Gebote eines Menschenlebens vergaß.

Zur Überlieferung der Informationen von einer in die nächste Generation dienen Bücher, Kunstgegenstände, Chroniken und Archivdokumente sowie Foto- und Filmmaterial, Gedenktafeln u.a. Die Notwendigkeit der Erhaltung des Gedenkens der tragischen Ereignisse in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts verstanden gut die Mitglieder unserer Gemeinde der Nachkriegszeit. Gleich nach der Befreiung der Stadt wurde von den Überlebten eine Liste der in die Konzentrationslager deportierten Gemeindemitglieder zusammengestellt und es wurde versucht festzustellen, wer von den Augsburger Juden und Jüdinnen überlebt hatte und wer umgekommen war. Eins der Ergebnisse dieser Suche war die Aushändigung vom Augsburger Standesamt im August 1946 einiger Dutzend Kopien der Sterbebescheinigungen der Gemeindemitglieder in den Jahren 1939-1944. In zwei Bescheinigungen stand als Todesursache der Selbstmord, in allen anderen wurde die entsprechende Zeile nicht ausgefüllt. Diese Unterlagen sind auch eine Art der Erinnerungskultur an die jüdischen Augsburger, die in unerträglichen Umständen, geschaffen von den Machthabenden, umkamen. Der Zugang zu diesen Erinnerungsunterlagen steht allerdings nur einem engen Personenkreis zu, wie zum Beispiel den Archivmitarbeitenden und Forschern. Der breite Kreis der Bevölkerung weiß davon nichts.

Einige Jahre später begannen die Angehörigen der in den Konzentrationslagern umgebrachten Gemeindemitglieder auf dem Jüdischen Friedhof in der Haunstetter Str. in Augsburg Grabsteine aufzustellen: Mehrere Grabsteinreihen des mittleren Friedhofsbereiches tragen Inschriften wie „gestorben in Auschwitz“, „deportiert und verschollen“, „umgekommen in der Deportation“, „in Polen vergast“, „gemeinsam gestorben“ und erinnern die heutigen Friedhofsbesucher an die Tragödie, die dem jüdischen Volk widerfahren ist.

Fünf Jahre nach dem Sturz des NS-Regimes gelang es dem damaligen Vorstand unserer Gemeinde Mittel zur Errichtung eines Mahnmals zu finden. Am 5. September 1950 bekamen die Gemeindemitglieder ein Schreiben des Vorstands:

„Am Samstag, den 9. Sept.50, abends 18.35 Uhr wird auf dem Israeltischen Friedhof Augsburg Haunstetterstrasse 64 durch den Präsidenten des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Herrn Dr. Ph. Auerbach für unsere durch den Nationalsozialismus umgekommenen Mitglieder ein EHRENMAHL enthüllt, wozu wir Sie hiermit höfl. einladen“.

Es ist beeindruckend, dass die Holocaust überlebten Gemeindemitglieder, trotz finanzieller Not, ein Mahnmal „zum Gedenken der sechs Millionen unserer Brüder unter ihnen Mitglieder der Gemeinde Schwaben-Augsburg, die von Nazi-Regime von 1933-1945 umgebracht wurden“ errichteten. In den Nachfolgejahren versammelten sich die Gemeindemitglieder an solchen Daten wie „der Tag der Opfer des Faschismus“ auf dem Friedhof und gedachten der Opfer.

Es sei erwähnt, dass an der Erinnerungskultur und dem Bewahren des Gedenkens der Schicksale der umgebrachten jüdischen Bürger und Bürgerinnen auch einige Vertreter der deutschen Intelligenz arbeite(te)n. Vor allem sei Gernot Römer genannt, der Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der Juden in Schwaben und der ehemalige Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung.

Im Jahr 1985 wurde mit Unterstützung der Stadt die Augsburger Synagoge renoviert. In 1998 sprach der damalige Oberbürgermeister Dr. Peter Menacher über das Anbringen im Rathaus einer Gedenktafel mit den Namen der umgekommenen jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen. Am 25.November 1999, nach dem Besprechen im Ältestenrat, beschloss das Augsburger Kulturamt über die Erschaffung der Gedenktafeln mit dem Namen der jüdischen Opfer in Augsburg in der NS-Zeit. Das war Gernot Römer, der die Namensliste der deportierten Juden und Jüdinnen zusammengestellt hat. Im Jahr 2001 wurden die Gedenktafeln im Erdgeschoss des Augsburger Rathauses enthüllt. Drei Jahre später folgte ein Umbau eines Erdgeschossraumes des Rathauses in einen Gedenkraum. Und im April 2012 brachte man dort eine Gedenktafel zum 70. Jahrestag der Deportation der Augsburger jüdischen Bürger und Bürgerinnen in das Konzentrationslager Piaski in Polen an. Jährlich organisiert die Stadt Augsburg in Kooperation mit der IKG Schwaben-Augsburg eine Gedenkstunde im Gedenken an die tragischen Ereignisse der Pogromnacht im November 1938. Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben führt Workshops zur jüdischen Geschichte für Schülerinnen und Schüler durch und organisiert thematische Exkursionen für seine Gäste. Der Vorstand der IKG Schwaben-Augsburg dankt der Stadt Augsburg und dem Jüdischen Museum für die Verewigung des Gedenkens.

Die Mehrheit unserer heutigen Gemeindemitglieder bilden die Einwanderer aus den ehemaligen sowjetischen Republiken. Wir sind nach der Generation der vernichteten Jüdinnen und Juden sowie der Shoa-Überlebten das nächste Kapitel im Leben der Augsburger jüdischen Gemeinschaft. Unsere primäre Pflicht ist den Generationen vor uns Respekt, Hochachtung, Gedenken und unsere Trauer zum Ausdruck zu bringen:

Wir gedenken Euch. Ihr seid lebendiger als lebend,
Die Wunde ist tiefer als ein Messerstich.
Sie blutet im Herzen,
Das Blut sind die Tränen,
so groß wie die prallen Regentropfen….
(V. Schott, Gemeindemitglied, aus dem Russischen übersetzt)

 

Der Präsident der heutigen Augsburger jüdischen Gemeinde berichtete, dass der Vorstand seit einigen Jahren an der Idee der Umsetzung einer Gedenktafel von der gegenwärtigen  an die damaligen Mitglieder arbeitete.  Die Realisierung gelang erst im vergangenen Juni.

Die Einweihungszeremonie der Gedenktafel „den Opfern des Nationalsozialismus zwischen den Jahren 1938 und 1945“ fand am Sonntag, den 30.06.2019 statt. An der Gedenkveranstaltung nahmen auch Vertreter der Stadt und des Bezirkes teil.  Präsident Mazo nannte in seiner Ansprache die traurige Zahl der fast 700 Frauen, Kinder und Männer aus Augsburg, die ihrer Bürgerrechte, ihres Habs und ihrer Würde entraubt wurden. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Claudia Roth, der Heimatpfleger der Stadt Augsburg Dr. Peter Fassl, die Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben Dr. Barbara Staudinger und der Vertreter der Stadt Augsburg, Mitglied des bayerischen Landtags Andreas Jäckel riefen in ihren Ansprachen und Reden auf, die Verbrechen der Vergangenheit nicht vergessen zu dürfen und ihre Wiederholung nie stattfinden lassen zu dürfen.

Nach der Schweigeminute rezitierte unser Gabbai Marjan Abramovitsch „El male Rachamim“ und Kaddisch. In Begleitung von Olga Abdissa am Klavier sang er einige Trauerlieder.

Ich hoffe, dass diese würdige Veranstaltung für lange Jahre in Erinnerung der anwesenden Gäste bleibt und für diejenigen, die noch nichts vom Holocaust wissen, ist die Gedenktafel an der Hausfassade direkt vor dem Eingang in das Foyer des Jüdischen Museums eine aussagekräftige Botschaft. Dies war auch einer der Gründe, die uns bei diesem Vorhaben bewegte.

Vladyslav Shaykhit
Archiv der IKG Schwaben-Augsburg